Dr. Burkhard Fassbach

Rechtsanwalt

Dr. jur. Burkhard Fassbach ist seit 1998 als Rechtsanwalt zugelassen. Als frei praktizierender Anwalt und Mitglied im Hendricks D&O-Anwaltsnetzwerk verfügt er über eine langjährige Erfahrung im internationalen Wirtschaftsrecht mit den Schwerpunkten Corporate Governance, Corporate Compliance, Organhaftung und D&O-Versicherung. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg, Frankfurt am Main und Mainz und dem juristischen Referendariat im Bezirk des Oberlandesgerichts Frankfurt am Main hat er im US-amerikanischen Reorganisationsrecht am Lehrstuhl von Prof. Dr. Manfred Wolf, Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main, promoviert.


Die D&O-Versicherung als Casino für Bußgeldregresse

Mit dem Ziel, den von der D&O-Versicherung ausgelobten Jackpot (Gewinnklasse 1: Deckungssumme abzüglich anzurechnender Abwehrkosten) zu knacken, versuchen geschädigte Unternehmen hohe Bußgelder bei pflichtvergessenen Organwaltern zu regressieren. Mutter aller Probleme ist das Regime der strengen Organhaftung. Der Deutsche Juristentag hatte eine Lösung empfohlen: Der Gesetzgeber sollte zulassen, dass die aktienrechtliche Innenhaftung der Organmitglieder durch die Satzung begrenzt wird, indem die Haftung für leichte Fahrlässigkeit ausgeschlossen wird und / oder Haftungshöchstgrenzen eingeführt werden. Eine Reform der Organhaftung steht allerdings nicht auf der politischen Agenda. Für Kartellbußen hatte das Landesarbeitsgericht Düsseldorf im “Schienenkartellverfahren” den Regress für unzulässig erklärt. Die vom Bundeskartellamt verhängte Kartellbuße sei im Verhältnis zum Beklagten als natürlicher Person nicht erstattungsfähig. Das Kartellamt unterscheide zwischen Bußen gegenüber natürlichen Personen und Unternehmen. Diese Regelung würde ins Leere laufen, wenn Bußgelder weitergereicht werden könnten. Das Bundesarbeitsgericht hat das Urteil wegen Zuständigkeitsfragen aufgehoben und das Verfahren zurückverwiesen. Die grundsätzliche Frage wurde nicht entschieden. In anderen zivilrechtlichen Verfahren wurde die Erstattungsfähigkeit von Geldbußen, jedenfalls soweit es um den Sanktionsteil geht, bejaht. Letztlich werden wohl die Kartellgerichte und der Bundesgerichtshof entscheiden.

Klagende Aufsichtsräte sollten sich nicht in Schadenfreude üben. Jede Pflichtverletzung der Geschäftsleitung kann auch als Aufsichtspflichtverletzung gedeutet werden. So werden Aufsichtsräte über Streitverkündungen ins Haftungsboot gezogen. Bei astronomischen Klagesummen und einer Vielzahl von versicherten Personen kann schnell der Deckungskonkurs drohen. In der Praxis ist ein Trend zur persönlichen D&O-Versicherung festzustellen, die der Manager auf eigene Rechnung abschliesst. Damit können auch keine Begehrlichkeiten – nach dem Motto “Insurance breeds claims” – geweckt werden.

Oberstes Gebot ist die Prävention, so dass es erst überhaupt nicht zum D&O-Schadenfall kommt. Amtierende Geschäftsleiter sollten unbedingt ein wirksames Compliance-Management-System einrichten. Gegen den Vorwurf unzureichender Compliance Bemühungen in einem zukünftigen Haftungsprozess kann zur Entlastung der Nachweis einer unabhängigen Prüfung des Compliance Systems nach dem vom Institut der Wirtschaftsprüfer aufgestellten Standard hilfreich sein.

Letzter Rettungsanker für die Verzweifelten ist Asset Protection. Das Privatvermögen soll vor dem Zugriff von Gläubigern geschützt werden. In der Praxis verbreitet sind Güterstandsschaukeln, Familienstiftungen, ausländische Rechtsträger und Gestaltungen zur Vermeidung eines pfändbaren Vermögensanfalls. Mit einer rechtlich einwandfreien Asset Protection muss rechtzeitig begonnen werden und nicht erst in der Krise. Denn dann droht die Anfechtung der Vermögensübertragungen oder gar eine Strafbarkeit – weit abseits vom Leitbild des “ehrbaren Kaufmanns”.

Bleibt zu hoffen, dass der Bundesgerichtshof den überzogenen Haftungsmaßstab im Wege der richterlichen Rechtsfortbildung korrigiert. Einstweilen bleibt das Casino geöffnet. Der reformunwillige Gesetzgeber schaut tatenlos zu.


Compliance bei den obersten deutschen Gerichtshöfen

Compliance ist kein auf die Privatwirtschaft beschränktes Thema. Sportverbände, der ADAC und nun auch das Bundesverfassungsgericht. “Zum Glück gibt es Compliance” war im Dezember 2016 die Schlagzeile der Kolumne des Bundesrichters Thomas Fischer in der ZEIT. In Karlsruhe hat das Bundesverfassungsgericht jetzt die Vorreiterrolle übernommen. Eine Arbeitsgruppe zur Schaffung hausinterner Ethikregeln wurde eingerichtet. Orientieren können sich die Juristen bei den Kaufleuten. “Tone at the Top” und das künftig im deutschen Kodex für gute Unternehmensführung aufgenommene Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“ sind vielleicht eine Blaupause für ein Leitbild des “ehrbaren deutschen Bundesrichters”.

Ethikregeln beim Bundesverfassungsgericht müssen vor allem transparent sein. Für die Privatwirtschaft sieht der Kodex vor: Unternehmen sollen die Grundzüge des Compliance Management Systems offenlegen. Im Sinne eines Best Practice soll den Beschäftigten auch die Möglichkeit eingeräumt werden, geschützt Hinweise auf Rechtsverstöße im Unternehmen zu geben. Für die Ethikregeln der Bundesrichter ist schwer vorstellbar, wie eine Whistleblower-Hotline ausgestaltet sein soll. Dürfen nur Richter, oder nur Organe der Rechtspflege (also auch Rechtsanwälte) oder jeder Bürger Zugang zu einem Hinweisgebersystem haben? Und welche Persönlichkeit würde überhaupt als Ombudsmann in Betracht kommen? Nur ein allseits respektierter Bundesrichter im “Unruhestand”?

Auch die Cooling-off-Periode im Aktiengesetz sollte die Karlsruher Arbeitsgruppe im Blick haben: Vorstandsmitglieder können grundsätzlich nicht vor Ablauf von zwei Jahren dem Aufsichtsrat derselben Gesellschaft angehören. Schnelle Seitenwechsel von Bundesrichtern zu Anwaltssozietäten oder in Vorstandsposten der Privatwirtschaft sind jedenfalls dann unter dem Gesichtspunkt des “Drehtür-Effekts” kritisch zu hinterfragen, wenn ein Wechsel den Verdacht von Interessenkonflikten aufkommen lässt. Ein Blick auf die amerikanische Unternehmenswelt wäre auch lohnenswert: Dort muss die „Pay Ratio“, das Verhältnis zwischen der Bezahlung des Vorstandsvorsitzenden und des Durchschnittsangestellten, offengelegt werden. Im VW Geschäftsbericht 2016 kann nachgelesen werden, dass eine ehemalige Bundesverfassungsrichterin für ihre einjährige Tätigkeit als Compliance Vorstand (Ressort Integrität und Recht) mehr kassierte als der VW-Vorstandsvorsitzende. Dagegen “Peanuts” – aber sicherlich auch Gegenstand von Ethik Regeln – sind die Einnahmen amtierender Bundesrichter aus Nebentätigkeiten.

Vorständen in der Privatwirtschaft droht im Falle der Implementierung unzulänglicher Compliance Management Systeme nach der strengen Rechtsprechung die wirtschaftliche Existenzvernichtung. Auch dies sollte die Arbeitsgruppe bedenken. Belehrungen aus der Anwaltschaft sind aber völlig fehl am Platz. Die Rechtsanwaltskammern und Anwaltvereine haben sich selbst noch keine Ethik & Compliance Regeln gegeben. Mutig und vorbildlich schreitet die deutsche Wirtschaft voraus.