Prof Dr Stefan H Vieweg, CFA

Prof. Dr. Dr. Stefan Vieweg, CFA

Direktor des Instituts für Compliance und Corporate Governance, Rheinische Fachhochschule Köln

Prof. Dr. Dr. Stefan Vieweg, CFA ist mit 20-jähriger internationaler Führungserfahrung im Mittelstand und Großkonzernen – u.a. als Aufsichtsrat, Beirat, Vorstand und CFO – mit Compliance, Corporate Governance, und Risk Management in komplexen Transaktionen der Praxis bestens vertraut. Der in Betriebswirtschaft sowie Ingenieurwesen promovierte Professor ist Direktor des ICC – Instituts für Compliance und Corporate Governance und MBA-Studiengangsleiter der Rheinischen Fachhochschule Köln. Als zertifizierter Systemischer Change Manager berät er Unternehmen u.a. in der nachhaltigen Gestaltung von Organisationsstrukturen und (digitalen) Transformationsprozessen. Er ist als Chartered Financial Analyst (CFA) dem weltweit höchsten Compliance Standards der Finanzwelt verpflichtet.


Comply or not comply?  Das ist hier die Frage…

„Nachhaltigkeit“ sagt noch nichts über die Qualität der mit diesem viel bemühten Begriff verbundenen Unternehmenstätigkeit aus: Nachhaltig ist nicht automatisch „gut“, sondern kann eben auch „nachhaltig schädlich“ sein. Dies muss man gerade in diesen  Tagen vermehrt konstatieren.

So versuchen derzeit viele mit Erstaunen oder Entsetzen (?) auszuloten, welche Implikationen die unkalkulierbare Politik des einstigen Wirtschafts- und gesellschaftlichen Garanten der westlichen Welt – die USA – auf Europa und Deutschland hat. Zeitgleich und bar wider jede Vernunft sehen wir an der Börse das ewige Pendel zwischen Gier und Angst eindeutig zu Ersterer ausschlagen.

Unternehmerisch führt diese Gier manches Mal zu grenzwertiger Compliance: Beispielsweise  ist das DAX30-Unternehmen HeidelbergCement AG nach eigener Aussage gerade dabei, von dem vermeintlichen Investitionsschub in den USA massiv zu profitieren. Durch Tochterunternehmen im Süden der USA geografisch-logistisch und politisch sozusagen in „Pole-Position“, ist man bestens dafür gerüstet, die benötigten Baustoffe für den extrem kritisierten Mauerbau zwischen Mexiko und den USA zu liefern. Ein naheliegendes und „nachhaltiges“ Projekt – doch ist hier nachhaltig auch „nachhaltig gut“ für ein Unternehmen, dessen Ursprungsland einschlägige Erfahrungen mit Mauerbau hat?

Basis-Anforderungen der gesellschaftlichen Verträglichkeit wirtschaftlichen Tuns, wie sie auch der Deutsche Nachhaltigkeitskodex fordert (seit dem 1. Januar 2017 ist eine  Entsprechenserklärung für große Unternehmen Pflicht), werden jedenfalls keineswegs dadurch befördert. Im Gegenteil: Vor dem Hintergrund eines sich selbsterhaltenden Zwang-Systems (der Vorstand nutzt den vom Aufsichtsrat gesetzten Rahmen, um bestenfalls gemeinsam den – nach wie vor zumeist kurzfristig orientierten – Interessen der Kapitalgeber nachzukommen) wird auch knapp zwei Jahrzehnte nach Einführung des KonTraG (Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmensbereich, KonTraG, vom 1. Mai 1998) zwar die Transparenz formal erhöht, aber eine intrinsisch motivierte und gelebte „gute“ Nachhaltigkeit ist damit nicht notwendigerweise verbunden. Dies zeigt sich beispielsweise  auch in einer Untersuchung des Instituts für Compliance und Corporate Governance, bei der die DAX 30-Unternehmen erhebliche Verbesserungspotenziale vorrangig bei der „gelebten“ Compliance-Kultur aufweisen (Veröffentlichungen in Vorbereitung).

Dass es auch anders geht, zeigt – um im obigem Beispiel zu bleiben – der viertgrößte Zementhersteller Cemex, der – mexikanischen Ursprungs – aus naheliegenden Gründen den von der US Administration geplanten Mauerbau zu Mexiko eine klare Absage erteilt hat.

Als Verantwortliche, sei es als Investor, Aufsichtsrat oder operativer Manager, sollten wir uns nicht nur auf formales Regelwerk zurückziehen. „Archäologische“ Ausgrabungen in der Wirtschaftsgeschichte können uns einen Weg zur „guten“ Nachhaltigkeit weisen wie beispielsweise  eine Wirtschaftsethik à la Max Weber und die Grundsätze des „ehrbaren Kaufmanns“.