Dr. Irina Kummert

Präsidentin des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft

Dr. Irina Kummert ist seit 1997 bundesweit sowie an internationalen Finanzplätzen in der Personalberatung tätig. Sie promovierte 2013 an der Goethe-Universität in Frankfurt/M. zum Thema Strategien der Moral am Kapitalmarkt. Seit 2013 ist Frau Dr. Kummert ehrenamtliche Präsidentin des Ethikverbands der Deutschen Wirtschaft und engagiert sich seit 2014 zusätzlich beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken ehrenamtlich als Beraterin im Sachbereich Wirtschaft und Soziales. Seit 2016 ist sie auf Einladung von Prof. Dr. Dr. h.c. Julian Nida-Rümelin Mitglied des Freundeskreises des Münchner Kompetenzzentrums Ethik an der LMU München. Seit 2015 ist sie Meinungsmacherin beim Manager Magazin, publiziert regelmäßig und hält Lehraufträge an unterschiedlichen Hochschulen.


Warum es sich lohnt auch das zu hinterfragen, was gut klingt

Auch wenn es sich diesmal abgesehen von den Wahlplakaten kaum aufdrängt: Wir befinden uns im Wahlkampf. Insbesondere dieser Wahlkampf lebt, initiiert durch die von Martin Schulz ins Spiel gebrachte „soziale Gerechtigkeit“ von dem auf unterschiedlich überzeugende Art und Weise vorgetragenen Bestreben, die Gemeinschaft, in der wir leben, gerechter zu machen. Dabei wird die Stimme der Egalitaristen, die sich mit dem Argument, die ökonomische Ungleichheit bedrohe die Stabilität unserer Gesellschaft zu Wort melden, zunehmend lauter. Statt sich in erster Linie für mehr Chancengleichheit einzusetzen, die zum Beispiel allen Mitgliedern einer Gesellschaft Zugang zum Bildungssystem ermöglicht, fordern sie vielmehr Ergebnisgleichheit und eine Gesellschaft, in der alle gleich viel haben müssen.

In dieses Konzept passt die Ökonomie des Teilens. Der US-amerikanische Soziologe und Ökonom Jeremy Rifkin ist davon überzeugt, dass die Ökonomie des Teilens den Niedergang des Kapitalismus einläuten und zu einer Weltgemeinschaft führen wird, in der wir es vorziehen, Dinge gemeinsam zu besitzen, statt profitorientiert zu denken und zu handeln.

Am 08. Juni 2017 fand in Berlin eine Podiumsdiskussion zum Thema Sharing Economy Zwischen Weltverbesserung und Milliardengeschäft statt. Auf dem Panel saßen mehrheitlich Vertreter der Sharing Economy; unter anderem der Leiter Finanzen und Zentrale Dienste von Wikimedia Deutschland e.V., die sich auf ihrer Internetseite als „weltweite Bewegung, die sich für die Idee des Freien Wissens einsetzt“ präsentiert. Es ging bei der Podiumsdiskussion um die Frage, welche Konzepte der Ökonomie des Teilens es bereits gibt, wie sie gelebt werden und wie sich durch sie unsere Gesellschaft verändern wird wenn sie sich durchsetzt. Der Ansatz bedient den Mainstream der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussionen.

Dass wir faktisch von einer dritten industriellen Revolution durch die Sharing Economy noch meilenweit entfernt sind, wurde in Berlin allein dadurch deutlich, dass von den anwesenden etwa einhundert Gästen nur eine Handvoll Personen angaben, bereits an Programmen wie Airbnb oder Car-Sharing zu partizipieren. Es sieht danach aus, als würde sich in einer Leistungsgesellschaft wie der unseren die Ökonomie des Teilens nur in kleinen Schritten realisieren lassen und sich vermutlich nicht so bald als neue Wirtschaftsordnung durchsetzen.

Teilen und Profitorientierung werden nicht nur bei Jeremy Rifkin, sondern gleichermaßen in den Augen maßgeblicher Vertreter der Sharing Economy als ein Gegensatzpaar angesehen. Auch das wurde im Rahmen der Podiumsdiskussion in Berlin deutlich. Insbesondere seitens des Vertreters von Wikimedia wurde mehrfach betont, das eigene Geschäftsmodell sei in erster Linie deshalb wertvoll, weil niemand davon einen ökonomischen Nutzen hat. Plattformen wie Wikipedia sind als frei zugängliche Wissenspools sinnvoll, aber wäre eine solche Plattform wirklich weniger wert, wenn jemand einen ökonomischen Nutzen davon hätte?

Derartige Fragen stellen wir uns viel zu selten. Auch die Compliance ist ein lebendiges System, das immer wieder hinterfragt und an die realen Gegebenheiten angepasst werden muss. Nicht nur bezogen auf die anstehende Bundestagswahl und deren Ausgang könnte es uns auf die Füße fallen, dass wir viel zu häufig das abnicken, was sich gut und richtig anhört ohne zu hinterfragen, ob es tatsächlich gut und richtig ist.


Was Donald Trump mit Glaubwürdigkeit zu tun hat

Der neue Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ist seit seinem Amtsantritt am 20. Januar 2017 in erster Linie durch eines aufgefallen: Er vertritt nachdem er gewählt wurde dieselben Positionen, die er bereits im Wahlkampf vertreten hat. Von Alfred Herrhausen, dem aufgrund seiner Gradlinigkeit sehr geschätzten ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank AG, stammt folgendes Zitat: „Wer sagt, was er denkt – richtig, fehlerfrei denkt – und tut, was er sagt und dann auch ist, was er tut, hat bei vielen Adressaten Erfolg, für die persönliche Glaubwürdigkeit ihren Stellenwert noch besitzt.“ (Weidemann, Denken, Ordnen, Gestalten: Reden und Aufsätze, 1990, S.71) Nach der Wahl Trumps zum Präsidenten wurde hierzulande in unterschiedlichen Talkshows durchaus kontrovers darüber debattiert, ob damit zu rechnen sei, dass Trump so handeln wird, wie er es vor seiner Wahl angekündigt hat. Alleine die Tatsache, dass sich mit der Diskussion über diese Frage Fernsehabende und Zeitungsseiten füllen ließen zeigt, dass wir uns offensichtlich nicht nur von der Möglichkeit verabschiedet haben, dass Politiker ihre Wahlversprechen in die Tat umsetzen könnten. Wir sind zusätzlich sogar irritiert bis schockiert, wenn das Unerwartete passiert: Das Meiste von dem, was Trump in den ersten Wochen auf den Weg gebracht hat, war bereits Bestandteil seines Wahlprogramms und war insofern nicht wirklich überraschend. Die Debatte darüber, ob ein führender Politiker tatsächlich das tun wird, was er vorher angekündigt hat zeigt, dass wir selbst nicht mehr an die absolute Gültigkeit von Werten glauben.

Hinter dem Wort „Wert“ versteckt sich der Anschein von etwas nicht Widersprechbarem. Entsprechend gelten Glaub- und Vertrauenswürdigkeit, Verbindlichkeit und Wahrhaftigkeit als absolute Werte. Allerdings führt ihre Absolutheit auch dazu, dass ihre Sinnhaftigkeit nicht mehr hinterfragt wird. Wenn es um Glaubwürdigkeit ginge, hätte der amtierende amerikanische Präsident alles richtig gemacht. Das Störgefühl, dass sich bei dieser Aussage einstellt zeigt, dass es an der Zeit sein könnte, unseren Umgang mit Werten zu hinterfragen. Die Absolutheit, mit der wir die Einhaltung von Werten fordern, verstellt uns den Blick auf eine Frage, die wir uns nicht zu stellen wagen: Kann es sein, dass es mehr auf die Motive einer Person als darauf ankommt, dass jemand Glaubwürdigkeit gezeigt hat? Das Beispiel Trump macht deutlich, dass wir gut beraten sein könnten, nicht dogmatisch die Einhaltung von Werten zu fordern. Stattdessen könnten wir uns nach den Zielen fragen, die ein Mensch mit seinem Handeln verfolgt und ihn danach beurteilen, ob er Schaden von unserer Gesellschaft und von den Menschen abwenden konnte.


Vorstandsboni: Verbindliche Verträge statt Moraldebatten

VW will bis zu 30.000 Stellen weltweit abbauen und damit 4,1 Mrd. € pro Jahr einsparen. In Deutschland sind rund 23.000 Arbeitsplätze betroffen. Die Reaktionen darauf reichen von Unverständnis bis zu blanker Wut. Es wird als ungerecht empfunden, dass Arbeitsplätze eingespart werden sollen, um einen Rekordverlust aufzufangen, der durch Fehlverhalten auf Vorstandsebene entstanden ist und diese Vorstände auch noch auskömmlich bezahlt wurden. Die Forderung, dass die VW-Vorstände ihren Bonus freiwillig zurückzahlen sollen, wird genauso wenig von Erfolg gekrönt sein wie die Appelle der Deutschen Bank an ehemalige Vorstände. Das hat die Reaktion von Josef Ackermann bestätigt, der seinen Bonus aus Rücksicht gegenüber vorherigen Bankvorständen nicht zurückzahlen will. Er wirft Minister Schäuble mangelnden Anstand vor, weil dieser sich öffentlich despektierlich über die Begründung Ackermanns geäußert hatte. Tatsächlich gilt der Grundsatz pacta sunt servanda – Verträge sind einzuhalten. Sobald wir aufgrund moralischer Erwägungen von diesem Grundsatz des öffentlichen wie des privaten Rechts abweichen, können wir nicht mehr davon ausgehen, dass wir uns auf die Verbindlichkeit von Verträgen verlassen können.

Statt also mit Moral zu argumentieren, sollte das Aktienrecht reformiert und damit eine verbindliche vertragliche Grundlage dafür geschaffen werden, dass Boni im Falle von Fehlentscheidungen oder gar Fehlverhalten zurückgezahlt werden müssen. Alternativ könnte die Auszahlung von Boni in Form von Unternehmensaktien erfolgen, die mit einer Haltefrist von mindestens fünf Jahren nach Ausscheiden des Vorstands aus dem Unternehmen versehen sind. Mit einer solchen Regelung würde ein Vorstand sowohl nach außen als auch gegenüber Mitarbeiterschaft die Gewissheit auslösen, dass er abgesehen von der Sorgfaltspflicht gegenüber dem Unternehmen auch aus ganz persönlichen Gründen unpopuläre Entscheidungen sorgfältig abgewogen hat: Sie können dem Vorstand schließlich selbst empfindlich auf die Füße fallen.


Geschenkt!

„Lieben und geliebt zu werden, ist das größte Glück auf Erden“. Wir vermuten, das allein könnte nicht ausreichen. Deshalb machen wir den Menschen, mit denen wir in einer verbindlichen Beziehung stehen, Geschenke. Gelegentlich stehen sogar die Größe, respektive der Preis des Geschenks in einer Korrelation dazu, wie das Ausmaß unserer Wertschätzung vom Beschenkten beurteilt wird oder beurteilt werden sollte. Wir wollen zeigen, was uns der jeweils andere wert ist: Großes, teures Geschenk – große Gefühle. Kleines, weniger aufwändiges oder gar „Last-Minute-Geschenk“, dem man hundert Meter gegen den Wind Gedankenlosigkeit anmerkt – nun ja. Wenn wir Geschenke machen, wollen wir geliebt werden. Wir wollen geliebt werden für etwas, das eigentlich selbstverständlich ist: die Auseinandersetzung damit, was die Menschen in unserer direkten Umgebung glücklich und uns gewogen machen könnte.

Der ursprünglich aus der amerikanischen Finanzwirtschaft stammende Begriff der Compliance hat uns, was Geschäftsbeziehungen angeht, einen Strich durch die Rechnung gemacht: Die alte Volksweisheit „Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft“ gehört der Vergangenheit an. Fälle wie der Korruptionsskandal bei Siemens in 2006, von dem sich der Konzern bis heute nicht ganz erholt hat, haben uns bezogen auf die Verknüpfung zwischen der Vergabe von Aufträgen an und der Verteilung von Geschenken durch externe Geschäftspartner sensibel gemacht.

Gelegentlich wird moniert, die Compliance-Regeln im Hinblick auf die Möglichkeiten Geschenke zu verteilen, seien übertrieben. Das möchte ich unkommentiert lassen. Stattdessen möchte ich die Aufmerksamkeit auf einen Aspekt lenken, der uns ohne jeden finanziellen Aufwand zum gefragtesten Auftragnehmer bzw. zur gefragtesten Auftragnehmerin macht: Die Qualität unserer Produkte und Dienstleistungen. Unsere Kunden freuen sich am meisten darüber, wenn sie das Gefühl haben, es geht um sie, um ihre Bedürfnisse und ihre Befindlichkeiten. Aufmerksamkeit, Antizipation dessen, was ihnen wichtig ist und individueller Service zeigen ihnen, dass sie wertgeschätzt werden. Dann passt es wieder: „Lieben und geliebt zu werden, ist das größte Glück auf Erden.“ Ganz ohne Geschenke.


Compliance ist nicht zu verwechseln mit Moral

Die Forderung nach der Einhaltung von Compliance-Regeln wird nicht selten verbunden mit der Forderung nach „mehr Moral“ in den Unternehmen. Das halte ich für gefährlich. Nicht erst seit Beginn der Finanzmarktkrise ist Compliance in aller Munde, wenn es darum geht, möglichen Risiken vorzubeugen, die sich im Zuge unternehmerischen Handelns ergeben können. Sinn und Zweck von Compliance ist es also, zu vermeiden, dass ein Unternehmen sowie dessen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen Schaden nehmen. Denselben Zweck würden wir Ethik und Moral zuweisen: Sie sind dazu da, Schaden von den Menschen und der Gesellschaft abzuwenden.

Compliance allerdings basiert auf objektiven und verbindlichen Regeln, an die sich alle Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen – unabhängig von Funktion und Hierarchieebene – zu halten haben. Gerade diese Klarheit gibt Orientierung. Moral ist demgegenüber zutiefst subjektiv: Die individuelle Auffassung von Fairness und Gerechtigkeit beispielsweise hängt ab von persönlichen Erfahrungen und Kränkungen. Werfen wir die Einhaltung von Compliance-Regeln in einen Topf mit der Forderung nach „mehr Moral“ in den Unternehmen, setzen wir die Compliance der Gefahr aus, nach individuellem Dafürhalten ausgelegt zu werden. So falsch es ist, das Hinterziehen von Steuern zu einer Frage der Moral zu machen, statt es als justitiablen Straftatbestand zu sehen, so falsch ist es, die Klarheit von Compliance-Regeln dem diffusen Feld der Moral zu überlassen.